Mittelalter-Musik: Instrumente, Stile und Szene
Von Minnesang und Spielleuten bis zur heutigen Marktmusik: wie Musik im Mittelalter klang und wie sie heute gespielt wird.
Wer über einen Mittelaltermarkt geht, hört fast immer Sackpfeifen, Trommeln und Schalmeien. Doch wie klang die Musik des Mittelalters wirklich? Und was hat die heutige Szene damit zu tun? Diese Seite gibt einen Überblick über Stile, Instrumente und Wege, die Musik heute zu erleben. Früher stand unter dieser Adresse ein Verzeichnis von Bands der Mittelalterszene. Wir haben uns für einen Überblick über die Musik selbst entschieden, weil Bandbesetzungen und Auftritte sich schnell ändern.
Was wir über die Musik des Mittelalters wissen
Das Mittelalter umfasst rund tausend Jahre, und entsprechend vielfältig war seine Musik. Vieles wurde mündlich weitergegeben und ist verloren. Erhalten ist vor allem, was in Klöstern und an Höfen aufgeschrieben wurde. Die Notenschrift entwickelte sich in dieser Zeit erst: Frühe Neumen zeigen den Verlauf einer Melodie, aber nicht genaue Tonhöhen oder Rhythmen. Wer heute Mittelalter-Musik spielt, muss deshalb viel rekonstruieren und interpretieren.
Geistliche Musik
Den größten Teil der überlieferten Musik bildet der gregorianische Choral, einstimmiger lateinischer Gesang der Liturgie. Ab dem 9. Jahrhundert entstanden erste Formen der Mehrstimmigkeit, die sich in den folgenden Jahrhunderten zu kunstvollen Sätzen entwickelten. Eine bekannte Komponistin des Hochmittelalters ist Hildegard von Bingen, deren geistliche Gesänge bis heute aufgeführt werden.
Weltliche Musik
An den Höfen blühte im Hochmittelalter die Liedkunst. In Frankreich sangen Troubadours und Trouvères, im deutschsprachigen Raum die Minnesänger, darunter Walther von der Vogelweide. Ihre Lieder handeln von Liebe, Politik und Frömmigkeit. Daneben gab es Tanzmusik wie Estampie und Saltarello sowie Lieder fahrender Spielleute. Eine wichtige Quelle für weltliche und geistliche Lieder in lateinischer und deutscher Sprache ist die Handschrift der Carmina Burana aus dem 13. Jahrhundert.
Spielleute
Spielleute waren Musiker, Sänger, Gaukler und Geschichtenerzähler, die von Hof zu Hof, von Markt zu Markt zogen. Sie standen sozial oft am Rand, waren aber bei Festen unverzichtbar. Ihr Bild prägt bis heute die Musik auf Mittelaltermärkten.
Die typischen Instrumente
- Drehleier: Ein Streichinstrument, bei dem ein Rad mit einer Kurbel die Saiten zum Klingen bringt. Tasten verkürzen die Melodiesaiten, Bordunsaiten klingen dauerhaft mit. Der surrende Klang ist unverwechselbar.
- Sackpfeife: Ein Dudelsack mit Luftsack, Spielpfeife und Bordunpfeifen. Laut, durchdringend und daher ideal für Feste im Freien.
- Schalmei: Ein Doppelrohrblattinstrument, Vorläufer der Oboe, mit kräftigem, näselndem Ton.
- Fidel und Rebec: Frühe Streichinstrumente, gespielt mit dem Bogen.
- Laute und Harfe: Zupfinstrumente, die Gesang begleiteten und an Höfen beliebt waren.
- Psalterium: Eine Kastenzither, deren Saiten gezupft werden.
- Flöten und Zinken: Von der einfachen Knochenflöte bis zu Blockflöten verschiedener Größen.
- Trommeln und Pauken: Rahmentrommeln, Pauken und Schellen gaben Tanz und Umzügen den Takt.
Viele dieser Instrumente werden heute von spezialisierten Werkstätten nach Abbildungen und Fundstücken nachgebaut. Auf Mittelaltermärkten können Sie Instrumentenbauer oft bei der Arbeit sehen.
Die heutige Szene
Heute begegnet Ihnen Mittelalter-Musik in drei sehr unterschiedlichen Formen.
Historisch informierte Aufführungspraxis: Ensembles der Alten Musik versuchen, der Musik des Mittelalters so nahe wie möglich zu kommen. Sie arbeiten mit Handschriften, Nachbauten und Erkenntnissen der Musikwissenschaft. Konzerte finden oft in Kirchen, Klöstern und Festivals für Alte Musik statt.
Marktmusik: Die Spielleute der Mittelaltermärkte spielen mit Sackpfeife, Trommel und Schalmei vor allem tanzbare, mitreißende Musik. Sie greifen alte Melodien auf, mischen sie aber frei mit späteren Liedern und eigenen Stücken. Bands wie Corvus Corax haben diesen Stil seit den späten 1980er-Jahren bekannt gemacht.
Mittelalter-Rock: Ab den 1990er-Jahren verbanden Gruppen wie In Extremo, Subway to Sally und Saltatio Mortis Sackpfeifen und Drehleier mit E-Gitarre und Schlagzeug. Der Stil füllt große Hallen und Festivals und hat mit dem Mittelalter musikalisch nur noch wenig gemein, wohl aber das Lebensgefühl.
Wo Sie Mittelalter-Musik erleben
Am leichtesten hören Sie Marktmusik auf Mittelaltermärkten, Ritterspielen und Burgfesten. Welche Formate es gibt, erklärt der Überblick Mittelaltermärkte und Ritterspiele. Konzerte Alter Musik finden häufig in historischen Räumen statt, auch in Burgen und Schlössern, deren Säle und Höfe eine besondere Akustik haben. Die Termine veröffentlichen Veranstalter und Spielstätten.
Wer verstehen möchte, in welcher Welt diese Musik entstand, findet im Bereich Mittelalter-Wissen Hintergründe zu Burgen, Rittern und Alltag, und im Burgenlexikon die wichtigsten Begriffe rund um die Burg.
Fragen und Antworten
- Welche Instrumente gab es im Mittelalter?
- Zu den typischen Instrumenten gehören Streichinstrumente wie Fidel und Rebec, die Drehleier, Zupfinstrumente wie Laute, Harfe und Psalterium, Blasinstrumente wie Schalmei, Sackpfeife, Flöten und Zinken sowie Trommeln, Pauken und Glocken. In Kirchen gab es zudem Orgeln.
- Was ist Minnesang?
- Minnesang ist die höfische Liebeslyrik des deutschsprachigen Hochmittelalters, etwa vom 12. bis ins 14. Jahrhundert. Die Lieder wurden gesungen und handeln meist von der verehrten, unerreichbaren Dame. Bekannte Minnesänger sind Walther von der Vogelweide und Neidhart.
- Ist die Musik auf Mittelaltermärkten historisch?
- Meist nur zum Teil. Marktmusiker spielen oft auf Nachbauten historischer Instrumente und greifen alte Melodien auf, arrangieren sie aber frei, kombinieren sie mit späteren Volksliedern oder eigenen Stücken und spielen lauter und rhythmischer, als es im Mittelalter üblich gewesen sein dürfte.
Zuletzt überarbeitet am 27. Oktober 2026. Alle Angaben ohne Gewähr; Öffnungszeiten und Eintritt ändern sich, bitte vor dem Besuch beim Betreiber prüfen. Fehler gefunden? Hinweis an die Redaktion.